Wenn Sprache die Welt färbt
Farben scheinen universell zu sein. Ein blauer Himmel ist blau, egal, ob wir in Berlin, Bukarest oder Buenos Aires stehen. Doch diese Selbstverständlichkeit bröckelt, sobald man einen Blick in die Sprach- und Kulturwissenschaft wirft. Es sind nicht unsere Augen allein, die bestimmen, wie wir Farben sehen. Es ist auch unsere Sprache. Sie beeinflusst, wie Menschen Farben benennen, unterscheiden und emotional deuten. Damit wird Farbe zu einem Schlüssel, um die Vielfalt menschlicher Wahrnehmung zu verstehen.
Wenn Grün Blau ist: Farbe in anderen Sprachen
Viele indoeuropäische Sprachen unterscheiden klar zwischen „blau“ und „grün“. Andere Sprachen kennen dafür nur ein Wort. So beispielsweise zahlreiche Völker tropischer Regionen wie im südlichen Afrika oder auf Papua-Neuguinea. Im Russischen gibt es zwei Worte für Blau: голубой „goluboj“ für hellblau und синий „sinij“ für dunkelblau. Etwas sehr ähnliches zeigt sich im Italienischen: Während Dunkelblau (blu) als eigenständige Grundfarbe gilt, wird Himmelblau (azzurro) ganz anders wahrgenommen und ein zartes, helles Himmelblau trägt sogar seinen eigenen Namen: blu celeste. In frühen altgriechischen Texten werden die Farben von Honig und Gras sprachlich nicht voneinander unterschieden. Im heißen, trockenen Mittelmeerklima blieb das Gras oft nur kurz grün und erschien den Griechen zumeist in einem warmen Gelb, fast wie der Honig selbst. Einige Sprachen, besonders indigene, besitzen nur zwei Farbworte: eines für hell und eines für dunkel.
Sehen jene Menschen Farben anders? Oder fehlen ihnen nur die Worte dafür?
Dieser Frage gingen der Ethnologe Brent Berlin und der Sprachforscher Paul Kay in den 1960er-Jahren in einer berühmten Studie nach. Es handelt sich hierbei um eine Hierarchie der Lexikalisierung der Grundfarben. Die Ethnologen untersuchten Farbwörter in 98 Sprachen und stellten fest, dass sich Farbbezeichnungen oft in einer festen Reihenfolge entwickeln. Fast jede Sprache beginnt mit einem Gegensatzpaar aus „hell“ und „dunkel“. Erst danach kommen Rot, dann Grün und Gelb, und schließlich Blau und dann Braun hinzu. Dadurch wird deutlich, dass eine Grundfarbe in einer Sprache erst dann auftritt, wenn alle anderen Farben die vor ihr in der Hierarchie auftauchen bereits lexikalisiert sind. Farben scheinen sich sprachhistorisch schrittweise zu entwickeln und dabei in ähnlichen Mustern zu verlaufen, unabhängig davon, wo eine Sprache gesprochen wird.
Sprache formt Wahrnehmung
Die Forschung zu Farbwörtern lässt sich nicht ohne die Sapir-Whorf-Hypothese betrachten. Sie besagt, dass Sprache das Denken und die Wahrnehmung eines Menschen beeinflusst. Das bedeutet: Wer keine getrennten Worte für Blau und Grün hat, nimmt möglicherweise keinen starken Unterschied zwischen den Farben wahr.
Doch stimmt das? Die Antwort ist komplex. Untersuchungen zeigen, dass Menschen ohne eigenes Wort für eine Farbe diese trotzdem benennen oder erkennen können. Das Auge bleibt das gleiche, aber die Sprache scheint den Blick zu lenken. Menschen, deren Sprache zwischen zwei Blau-Tönen unterscheidet, können diese in Tests schneller auseinanderhalten. Wer dagegen nur ein Wort dafür hat, braucht im Schnitt etwas länger.
Die Welt sieht also nicht zwingend anders aus doch die Sprache beeinflusst, worauf wir achten.
Farben erzählen Kultur
Farben sind nicht nur Farbtöne. Sie tragen Bedeutung, Emotion und Geschichte. Auch hier unterscheiden sich Kulturen deutlich.
In vielen westlichen Ländern steht Weiß für Reinheit: Hochzeitskleider, Hostien, Ärzte-Kittel. In vielen asiatischen Traditionen dagegen ist Weiß die Farbe der Trauer. Getragen bei Beerdigungen, verbunden mit Abschied und Vergänglichkeit. Rot wiederum steht in Europa sowohl für Gefahr: rote Ampel, rote Warnschilder, als auch für Leidenschaft und Liebe. In China jedoch gilt Rot traditionell als Glücksfarbe, Symbol des Lebens, des Wohlstands und der Festlichkeit.
Farben sind also mehr als Pigmente. Sie sind kulturelle Zeichen, die Bedeutung tragen und diese Bedeutungen sind nicht gegeben, sondern gewachsen.
Farbmetaphern in der Sprache
Auch in Redewendungen zeigt sich, wie tief Farbe in Sprache verankert ist. Im Deutschen kann man:
„blau machen“
„alles durch die rosarote Brille sehen“
„grün vor Neid sein“ oder „rot vor Wut“
Wir denken dabei nicht bewusst an die Farbe selbst und trotzdem transportieren diese Wendungen emotionale und kulturelle Bedeutungen. In anderen Sprachen finden sich wiederum ganz andere Farbbilder. Im Englischen etwa „feeling blue“, im Französischen „rire jaune“ („gelb lachen“), wenn jemand unfreiwillig und gequält lacht.
Solche sprachlichen Bilder wirken stärker, als man denkt. Sie prägen, wie wir über Gefühle, Zustände und sogar über Menschen sprechen, ohne dass uns das im Alltag bewusst wäre.
Wie Sprache die Welt verändert
Wenn Sprache und Wahrnehmung so eng miteinander verbunden sind, stellt sich die Frage: Was bedeutet das für unseren Umgang mit Sprache im Alltag?
Zum einen zeigt es, wie schnell wir annehmen, dass unsere Sichtweise die natürliche sei. Wer in einer Kultur aufwächst, in der Blau und Grün unterschiedliche Farben sind, hält diese Unterscheidung für selbstverständlich. Doch andere Sprachen und Kulturen strukturieren die Welt anders. Zum anderen birgt diese Erkenntnis eine Chance: Wer Sprache bewusster nutzt, kann sich der eigenen Wahrnehmungsfilter stärker bewusst werden. Medien, Design, Werbung, all diese Bereiche profitieren davon, wenn wir verstehen, dass Farbe nicht neutral ist. Farbe beeinflusst wie Produkte wahrgenommen werden, wie Informationen bewertet und welche Emotionen angesprochen werden.
Wer mit Farbe arbeitet, arbeitet automatisch auch mit kulturellen Bedeutungen.
Farbe als Fenster zur Vielfalt des Denkens
Wenn Sprache die Welt färbt, dann heißt das nicht, dass andere Menschen anders sehen müssen. Es heißt, dass sie anders sehen können. Denn wenn Sprache die Welt färbt, dann entscheidet sie mit darüber, wie bunt wir sie wahrnehmen.

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